60 Jahre „Hätzfeld Helau“ und viel mehr: Die Gilde Giemaul als Herzschlag Heidingsfelds
Die Fasenachtsgilde Giemaul Heidingsfeld e.V. feiert ihr diamantenes Jubiläum. Zum großen Jubiläums-Interview spricht der 1. Gesellschaftspräsident Christian Reusch über die TV-Historie, die legendären Sitzungspräsidenten und warum die Gilde mit Ostermarkt, Mühlenfest und Adventsmarkt das ganze Jahr über den Takt im „Städtle“ vorgibt.
Redaktion: Herr Reusch, 60 Jahre Gilde Giemaul – eine stolze Zeit. Wie fing eigentlich alles an? Werfen wir einen Blick zurück in das Jahr 1966.

Christian Reusch: Die Geburtsstunde schlug am 11.11.1966, aber es war keine formelle Sitzung, sondern vielmehr eine spontane Idee von faschingsbegeisterten Mitgliedern des SV Heidingsfeld. Diese kleine Gruppe – darunter Pioniere wie Hans Göbel, Manfred Scherk, Fritz Schmitt, Hermann Riedmann, Erich Dippold, Ernst Hirsch, Hubert und Alfred Michel, Max Behringer, Willi Precht und Toni Wilhelm – wollte den Fasching in Hätzfeld neu beleben. Aus diesem Enthusiasmus heraus wurde die Faschingsabteilung des SVH gegründet. Man nahm sofort aktiv am Faschingszug teil und bereits 1967 konnten Benni und Uschi Schrenk als erstes Prinzenpaar die Premierensitzung im Radlersaal eröffnen. Es war eine Zeit des Aufbruchs: Der erste eigene Wagen wurde gebaut und die Gemeinschaft wuchs so rasant, dass 1969 der logische Schritt in die volle Eigenständigkeit als eingetragener Verein vollzogen wurde.
Redaktion: Der Verein ist über die Jahrzehnte stark gewachsen. Welche Führungspersönlichkeiten haben den Weg in die Moderne besonders geebnet?
Christian Reusch: Da sind vor allem zwei Namen zu nennen, die heute Ehrenpräsidenten der Gilde sind. Roman Kirzeder (†) führte den Verein von 1989 bis 2002. Er war nicht nur ein Präsident mit Weitblick, sondern als einer der bekanntesten Büttenredner ein Aushängeschild, das unsere Gilde bayernweit repräsentiert hat. Dass er heute nicht mehr unter uns ist, schmerzt besonders in einem Jubiläumsjahr, aber sein Wirken ist unvergessen. Ihm folgte Ludger Schuhmann, der von 2002 bis 2012 an der Spitze stand. Ludger hat den Verein in einer Zeit des Wandels stabilisiert und die organisatorischen Strukturen geschaffen, von denen wir heute noch profitieren. Beide haben mit ihrem unermüdlichen Einsatz dafür gesorgt, dass die Gilde Giemaul weit über die Grenzen Würzburgs hinaus ein Begriff wurde. Dass wir heute so professionell aufgestellt sind, ist maßgeblich ihr Verdienst.
Redaktion: Eine zentrale Rolle bei jeder Sitzung spielt der Elferrat. Welche Bedeutung hat der Hätzfelder Elferrat für das Gefüge der Gilde?
Christian Reusch: Der Hätzfelder Elferrat ist weit mehr als nur die dekorative Kulisse im Hintergrund der Bühne. Er ist das administrative und repräsentative Rückgrat unserer Gilde. Ohne den unermüdlichen Einsatz dieser Männer wäre die Durchführung unserer Prunksitzungen und der vielen Außenveranstaltungen undenkbar. Der Elferrat verkörpert die Kontinuität des Brauchtums; viele Mitglieder sind seit Jahrzehnten dabei und geben ihr Wissen und ihre Leidenschaft an die nächste Generation weiter. Sie sind es, die bei den Umzügen den Wagen begleiten, bei den Sitzungen für den reibungslosen Ablauf sorgen und die Gilde bayernweit würdig vertreten.
Redaktion: Die Gilde ist berühmt für ihre Sitzungen, wobei ein Name immer wieder fällt: Heinz Bonfig. Was hat ihn so besonders gemacht?
Christian Reusch: Heinz Bonfig war eine absolute Ausnahmeerscheinung am Sitzungspräsidentenstuhl. Er hat über Jahrzehnte hinweg das Niveau unserer Prunksitzungen geprägt, und sein Scharfsinn sowie seine Souveränität waren bayernweit legendär. Als er zum Ehrensitzungspräsidenten ernannt wurde, war das die Anerkennung für ein Lebenswerk. Er ist leider bereits verstorben, aber sein Erbe am Sitzungspräsidentenstuhl verpflichtet uns bis heute zu höchster Qualität und Herzlichkeit.
Redaktion: Diese Qualität führte Sie bis ins Fernsehen. Inwiefern war die Gilde ein Botschafter für ganz Franken?
Christian Reusch: Das war ein echter Meilenstein. Die Sendung „Franken Helau“ des Bayerischen Rundfunks gastierte in den Jahren 2001 und 2005 bei uns, was einem bayernweiten Ritterschlag gleichkam. Bereits 1998 übertrug TV Touring eine komplette Sitzung. Wir konnten zeigen, dass Heidingsfeld eine Fasenachts-Hochburg ist, die sich vor niemandem verstecken muss. Das verdanken wir herausragenden Persönlichkeiten wie Ernst Hirsch, der als „Straßenkehrer“ ein echtes Original war, sowie Friedrich Löhr und Helmut Beckenbauer, die beide als weithin bekannte Büttenredner das Publikum über Jahrzehnte begeisterten. Zusammen mit den Ehrenpräsidenten und der guten Seele Maria Pfützner (†) bildeten sie das Fundament unserer Bekanntheit.
Redaktion: Auffallend ist Ihre intensive Nachwuchsarbeit. Wie sieht der tänzerische Lebenslauf eines Kindes in der Gilde aus?
Christian Reusch: Unsere Jugendarbeit ist heute extrem strukturiert und bildet eine durchgängige Pyramide. Es beginnt bei den Kleinsten, den 2002 gegründeten Bambinos, führt über die 1981 ins Leben gerufene Wichtelgarde und die 1990 gegründete Juniorengarde bis hin zu unserer Elite, der Giemaulgarde. Wir fördern dabei auch besondere Talente im Paartanz, wie man 2007 sah, als wir mit Judith Gollwitzer und Fabian Hemberger unser erstes Hätzfelder Tanzpaar präsentierten. Seit 2018 haben wir zudem einen eigenen Kinderelferrat, um den Nachwuchs auch organisatorisch früh einzubinden.
Redaktion: Aber die Gilde ist nicht nur zur Fasenacht aktiv. Ihr Veranstaltungskalender ist das ganze Jahr über prall gefüllt. Welche Bedeutung haben diese Events für den Stadtteil?
Christian Reusch: Das ist ein ganz entscheidender Punkt, denn wir verstehen uns als Ganzjahresverein. Wir prägen das gesellschaftliche Leben in Heidingsfeld durch alle Jahreszeiten hinweg. Das beginnt im Frühjahr mit dem Hätzfelder Ostermarkt und führt über das traditionelle Giemaulfest, das wir seit 1973 in Eigenregie durchführen, bis hin zum romantischen Mühlenfest im Innenhof unserer 1984 bezogenen Schulzenmühle. Den Jahresabschluss bildet unser stimmungsvoller Adventsmarkt. Diese Feste sind der soziale Kitt, der den Zusammenhalt im Stadtteil stärkt.
Redaktion: Seit 2016 führen Sie den Verein nun selbst. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Inklusion. Wie kam es zur „BuntenSitzung“?
Christian Reusch: Die Würzburger BunteSitzung, die wir 2020 ins Leben gerufen haben, ist kein Projekt von mir allein, sondern ein echtes Herzensprojekt der gesamten Gilde Giemaul. Den entscheidenden Impuls gab Stephan Leutner, der dieses Projekt initiiert und damit einen Stein ins Rollen gebracht hat, der heute unser gesamtes Vereinsleben bereichert. Wir leben Inklusion und laden jeden ein, egal ob mit oder ohne Handicap, gemeinsam mit uns zu feiern. Dass wir dafür 2022 den Inklusions- und Integrationspreis des Fastnacht-Verband Franken erhalten haben, war eine Bestätigung für dieses gemeinsame Engagement.
Redaktion: Wie blicken Sie auf das große Jubiläumsjahr 2026?
Christian Reusch: Mit großer Vorfreude und Stolz auf das Erreichte. Unser aktuelles Giemaulpaar Maximilian I. und Sigrid I. führt uns durch eine Session, die wir unter dem Motto 60 Jahre Spaß für die Welt aus Heidingsfeld feiern. Gemeinsam mit meinem Team im Präsidium, bestehend aus Manuel Königl, Tobias Schepukat, Sitzungspräsident Andi Weiß, Fabienne Wohlfart und Christian Judt, werden wir beweisen, dass die Gilde Giemaul auch nach sechs Jahrzehnten so jung, dynamisch und unverzichtbar für Heidingsfeld ist wie am ersten Tag.
Redaktion: Herr Reusch, wir danken Ihnen für dieses ausführliche Gespräch und wünschen eine erfolgreiche Jubiläumssession.
