Von „Bacchus-Jüngern“, diebischen Strohhalmen und dem Geist von Giemaulhausen
Kennen sie noch den Film „How the West was won“(aus dem Jahre 1962)? Schon der Titel gibt vor eine Frage zu beantworten; …allerdings eine die sich mir nie stellte.
Ich werde allerdings hin und wieder gefragt „wie die Fasenacht begann“. Das wiederum, ist keine einfache Frage. Was soll man darauf antworten? Ich versuche es mal so:
Über tatsächliche und vermeintliche „Wurzeln“ dessen, was wir heute – je nach Region – Karneval, Fastnacht, Fasenacht oder Fasching nennen ist schon so viel geschrieben worden, dass selbst ein Überblick dazu den Rahmen dieses Beitrages sprengen würde; das bleibt eher oder angemessenerweise einer längeren wissenschaftlichen Arbeit vorbehalten.
Worauf schon hingewiesen werden sollte, ist dass wichtige Elemente oder Ausdrucksformen
„unserer Fasenacht“ offenbar wohl stets gewissen menschlichen Grundbedürfnissen entsprachen und so in verschiedensten Prägungen und Kulturen aufgetreten sind. Welche „Ausdrucksformen“ und „Grundbedürfnisse“ meine ich?
Das sind Dinge wie: Räume für straflose Kritik an den „Herrschenden“ in der Öffentlichkeit, „Rollentausch“ von „Arm und Reich“, Parodie von Ausdrucks- und Verhaltensweisen, „Ventile der Lebenslust“ durch gemeinsames Feiern, auch in Form von „Um oder Festzügen“,
mit mehr oder weniger kontrollierten „Grenzüberschreitungen“ der jeweils gerade geltenden „Konventionen“.‘ Dafür finden sich Beispiele bei den Kelten, Ägyptern, Mesopotamiern oder Griechen und Römern (Saturnalien oder Lupercalien) … durchgehende diesbezügliche Traditionen sind aber wohl nicht zu belegen.

Und was ist zu Heidingsfeld belegt?
Dass „Fasenacht“ gefeiert wurde ist zumindest seit der Mitte des 16. Jahrhunderts dokumentiert – „aktenkundig“ sozusagen, leider allerdings aus Gerichtsakten (1).
Beispiele werden in dem 2005 von Prof Rainer Leng verantworteten Standartwerk „Die Geschichte der Stadt Heidingsfeld“ benannt.
So wurde am „Fasenachtsdienstag“ 1574 in Heidingsfeld – wohl von einem alkoholisierten Täter – der Stadtbedienstete Hans Schreck am „Fischmarkt“ erschlagen Ein Gerichtstermin am Fasenachtsdienstag wurde 1557 mit am „Dinstag Bachanalia Anno 1557“ benannt; 1575 ist ein Nachbarschaftsstreit wegen Singens eines „unzüchtigen Liedes“ am „Faßnachttag“ aktenkundig; an Fastnacht 1568 ist von Tätlichkeiten und Beleidigungen während eines Hochzeitszuges zu lesen .. auch bei geselligem, gemeinsamen Trinken und Essen (hier werden bereits schon „Grapfen“ genannt) kam es zu Streitigkeiten die vor Gericht endeten (2). Da scheint uns heute doch manches auch nicht so ganz unbekannt zu sein….

Die „Fasenacht“ in heutigem Sinne und Form, welche letztlich (auch) am rheinischen Karneval orientiert ist gibt es m.E. seit 1904 (3) – jedenfalls findet sich da eine offizielle Genehmigung des ersten „Fastnachts- Zuges“ in den Magistratsprotokollen. Im von Otto Baumann verwalteten Bildarchiv der Bürgervereinigung Heidingsfeld sind auch einige Fotografien früher Fasenachtswagen aus den Jahren 1906 – 1908 erhalten.
Einen Wagen stellte damals z. Bsp. auch die Heidingsfelder Kolpingfamilie – eine Tradition die in den 1980er Jahren deren damalige Jugendgruppe für einige Jahre wieder aufnahm.
Auch die Traditionsgruppe der „Hätzfelder Alti“ stammt schon aus der Zeit vor den beiden Weltkriegen. Die mit Gesichtsmasken („Schampern“) und kleinen „Umhängeschläuchen“ (zum Trinken aus fremden Schoppengläsern) ausgerüsteten „Narren“ waren ursprünglich sehr arme Mitbürger, die so eben auch an den Fasenachtsfeiern und der „Kneipenfastnacht“ teilnehmen konnten. Alte Fotografien dieser Gruppe datieren auf die Jahre 1931 und 1937.
Die beiden Weltkriege brachten dann jeweils Unterbrechungen der lokalen Fastnachts- Traditionen.
Der erste „Zug“ nach dem Zweiten Weltkrieg fand 1953 statt – in einer Zeit als sich am „Zugweg“, z. Bsp. am Rathausplatz, teilweise noch Notbauten und Ruinen als Folge des britischen Bombenangriffs vom 16.03.1945 befanden. Der „Zug“ dürfte damals sicher als Ausdruck des Lebenswillens und des Wunsches nach „Rückkehr zur Normalität“ im „Städtle“ empfunden worden sein. Um die Organisation dieser Züge kümmert sich seit damals die „IG Zugleitung“ – die erste Zugleitung bestand aus (dem Bauunternhmer) Jochen Ohlhaut, (dem Malermeister) Rudi Schmitt und (dem Schneidermeister) Richard Oswald – letzterer erstellte auch die auch heute noch verwendete Standarte der Zugleitung, die- „wen wunderts“- ein „Giemaul“ zeigt.



Als 1966 die „Faschingsabteilung“ des SVH eine „Elferratssitzung“ veranstaltete, und dann erstmals am Fastnachtszug in Heidingsfeld teilnahm, kam eine „neue Dynamik“ in die Hätzfelder Fasenacht. Bereits im Folgejahr 1967 gab es ein erstes „Prinzenpaar aus Giemaulhausen“, eine „Prunksitzung im Radlersaal“ und die Gründung einer eingeständigen Fastnachtsabteilung im SVH; 1968 folgte das erste „Giemaulpaar“ und die Aufnahme der Abteilung in den Fastnacht-Verband- Franken e.V., 1969 wurde aus dieser SVH Abteilung die „Gilde Giemaul“ gegründet und ins Vereinsregister eingetragen. Seit vielen Jahren ist „die
Gilde“ nunmehr das Rückgrat der Hätzfelder Fasenacht und stellt bei den Fastnachtszügen in Heidingsfeld und Würzburg die größte Gruppe innerhalb der Zuggruppe Heidingsfeld.
Diese Entwicklung, und die handelnden Personen werden bis heute jedes Jahr auch im aktuellen Sessionsheft der „Fasenachtsgilde Giemaul Heidingsfeld e.V.“ dargestellt.
Stefan Rettner

Ob „IG Zugleitung“, „Hätzfelder Alti“ oder „Gilde Giemaul“ – sie alle können sicher sein, dass ihre Fasenachtsbegeisterung auf dem Fundament einer langen Tradition steht.
